Medizinische Versorgung

Linda Schnath, Anna Köberich, Claas Bordes

Ohne funktionierende Kommunikation kann kein seriöser Arzt[1] eine Diagnose stellen. Verfügen Arzt und Patient über verschiedene Muttersprachen, so kommt es im Gespräch schnell zu Problemen. Entweder kann der Patient nicht adäquat ausdrücken, welche Symptome er an sich feststellt, oder der Arzt versteht diese nicht. Auch die medizinische Fachsprache kann in dieser Kommunikation eine Fremdsprache sein, die einer Übersetzung bedarf.
Im Folgenden werden wir kurz auf die Methoden eingehen, die wir bei unserer Arbeit verwendet haben, bevor wir uns im Speziellen auf zwei Videos konzentrieren wollen, die die Mehrsprachigkeit zwischen Arzt und Patient verdeutlicht. Hier sollen unter anderem die Fachsprache und die nonverbale Kommunikation untersucht sowie Probleme und der Umgang mit dem Patienten erläutert werden. Daran anschließend werden wir zwei Beispiele aus den Videos heraus greifen und diese vergleichen. Weitere Problematiken - im Umgang mit Mehrsprachigkeit in der medizinischen Institution Krankenhaus wie Aus- und Fortbildung und „Informiertes Einverständnis“ werden aufgegriffen werden und ein Fazit wird die Arbeit abschließen.

Methoden:

  • Untersuchung und Analyse zweier Videos,
  • Transktiption,
  • Leitfadeninterview mit einer jungen Ärztin,
  • Auswertung wissenschaftlicher Texte.

1. Arzt: Muttersprachler - Patient: Muttersprachler

Das Video zeigt ein Gespräch zwischen einer Schauspielerin und einem Medizinstudenten. Es handelt sich dabei um eine Prüfung zum Umgang mit Patienten, die Studenten der medizinischen Fakultät Köln absolvieren müssen. Der Patientin liegt hierbei ein Befund nach einer Behandlung an den Bandscheiben vor. Sie hat Fragen zu medizinischen Ausdrücken, die in dem Befund vorkommen. Der Medizinstudent ist nun gefordert, diese Begriffe zu klären.

Fachsprache

Medizinische Fachsprache ist für alle nicht-Mediziner schwer zugänglich. Im Volksmund auch „Ärztelatein“ genannt, ist die Sprache der Mediziner effizient für die Kommunikation untereinander, also mit Kollegen, Versicherungen oder Pflegepersonal. Sie ist nicht für die Arzt-Patienten Kommunikation entwickelt worden. In der Situation des Arzt-Patienten-Gesprächs bedarf es daher einer Übersetzung dieser Fachsprache.
Der Student versucht Fachsprache durch Zeichnungen verständlich zu machen. Anatomische Beschreibungen deutet er oft sprachlich an, und führt sie dann in einer Zeichnung aus. Er versucht keine erschöpfendeÜbersetzung der Fachsprache. Kommt er in seiner Beschreibung nicht weiter, oder merkt er, dass die Patientin auch einer Übersetzung nicht folgen kann, stellt er fest: „Am besten ist es, wenn man sich sowas aufmalt und dann mal ein bisschen sich das anschaut.“ (02:04) Das ist auch notwendig, da die Patientin Verständnisschwierigkeiten hat: „Das ist Deutsch, aber ich hab gar keine Ahnung.“(00:28) Dies bedeutet weder, dass der Student nicht in der Lage wäre korrekt zu beschreiben, noch dass die Patientin dies nicht verstehen könnte. Hier wird lediglich anders verfahren, um Verständnis zu gewährleisten. Den Studenten interessiert die Frage: „Welche Konsequenz hat das jetzt alles später für sie?“ (00:37) So versucht er nur Dinge zu erklären, die konkret etwas für die Patientin bedeuten.

Nonverbale Kommunikation

Nonverbale Kommunikation macht im Gespräch über die Hälfte der vermittelten Informationen aus. An zweiter Stelle steht die paraverbale Kommunikation, also Redegeschwindigkeit, Betonung oder Stimmlage. Die Bedeutungen der gesagten Wörter steht hintan.[2] Die nonverbale Kommunikation ist also für das Arzt-Patienten-Gespräch sehr wichtig. Ist eine sprachliche Hürde vorhanden, so kann sie ersetzen, was nicht artikuliert werden kann.
Der Student gibt der Patientin zunächst die Hand, sitzt nah herangerückt und verdeutlicht beispielsweise die Drehung des MRT (00:56) oder Anatomisches mithilfe von Gesten. In Praxen und Krankenhäusern ist ebenfalls der Einsatz von anatomischen Modellen gängig, anhand derer Sachverhalte erläutert werden.




2. Arzt: Nicht Muttersprachler - Patient: Muttersprachler

Dieses Video zeigt die gleiche Nachbesprechung, die eine Studentin führt, die nicht Deutsch-Muttersprachlerin ist.

Fachsprache

Zunächst muss sie die medizinisch-lateinischen Fachbegriffe in die Alltagssprache übersetzen, wenn die Patientin direkt fragt: „Und was heißt das, was ist das, was heißt das bei mir?“ (01:48) 

Zu den Problemen, die die medizinische Fachsprache ohnehin bereitet, kommt hier die Sprachbarriere hinzu. Dementsprechend ergeben sich Schwierigkeiten. Sie hat einige Probleme sich auszudrücken und die richtigen Worte bzw. Satzkonstruktionen zu finden und zu bilden. Die Patientin ergänzt mitunter ihre Sätze. (z.B. 01:32, 02:53) Zudem fällt es ihr (zumindest in einem Absatz; ab 6:38) schwer, fachspezifische Ausdrücke zu erklären (was hier zu Missverständnissen führen kann), einer fällt ihr gar nicht ein (Pelottierung; 04:08).





Nonverbale Kommunikation


Ihre Unsicherheit versucht die Studentin durch nonverbale Kommunikation zu kompensieren. Als die Patientin z.B. sagt „Das macht mir Angst.“ (01:02), fasst die Studentin sie an den Arm. Bestimmte Begriffe versucht sie mit den Händen zu verdeutlichen (z.B. „ventral“ - Handbewegung nach vorn - oder „Wirbelkörperknochen-stück“ - zeigt die Stelle am Rücken). Sie lächelt freundlich, rückt näher an die Patientin heran, fasst auch mal ihren Arm an und lacht viel.





Vergleich zweier Beispiele

Für die Patientin aus unseren Videos ist die medizinische Fachsprache zweifelsohne eine Fremdsprache.
Vergleichende Betrachtungen der beiden Videos zeigen, dass die Erklärung der medizinischen Fachsprache sowohl für Ärzte mit deutscher Muttersprache als auch für Nicht-Muttersprachler schwierig ist.

Auffällig ist, dass beide Studenten ihre Hände gebrauchen, um einzelne Wörter gestisch zu verdeutlichen. So werden Körperstellen oder Richtungen gezeigt. Beide versuchen außerdem, die Begriffe zu veranschaulichen, in dem sie sie aufmalen (die Ärztin malt auf ihre Hand, der Arzt auf Papier), was meist einen positiven Effekt hat (vgl. z.B. Video 1: 04:21, 04:43; Video 2: 03:23, 03:42, 03:51).
Insgesamt vermag die nonverbale Kommunikation bei beiden Ärzten sprachliche Probleme zu mindern, wohingegen das perfekte Beherrschen der deutschen Sprache nicht zwangsweise zum besseren Verstehen beiträgt. Dies zeigt das oben dargestellte Beispiel. Der Arzt mit deutscher Muttersprache hat mehr Möglichkeiten, den dem Patienten unbekannten Begriff („Pelottierung“) zu beschreiben, muss aber nicht wie die Studentin passen, sondern bietet eine Rückversicherung an: „sonst frage ich gerne nochmal den Oberarzt“ (06:23).
Es zeigt sich, dass die Übersetzung von medizinischer Fachsprache in für den Patienten verständliche Sprache generell schwierig ist und durch mangelndes Beherrschen der deutschen Sprache nur verstärkt wird.

4. Herausforderungen

4.1. Aus- und Fortbildung

Immer mehr ausländische Mediziner praktizieren in Deutschland und deutsche Ärzte wandern aus.[3] Dadurch stellt sich zunehmend die Frage, wie man der Mehrsprachigkeit in ärztlichen Institutionen begegnen soll – schließlich muss der reibungslose Umgang von Ärzten und Patienten sowie der gegenseitige Kommunikations- und Informationsfluss gewährleistet werden. Wir haben gezeigt, dass schon die medizinische Fachsprache ein Hindernis darstellt und Mehrsprachigkeit dann weitere Schwierigkeiten hervorruft. Die hier vorgestellten Videos zeigen zwar, dass Medizinstudenten – zumindest in Köln – auf den Praxisalltag vorbereitet werden. Es ist wünschenswert, wenn Studenten dahingehend ausgebildet und vorbereitet werden. Die Ausbildung sollte sich dann sowohl darauf richten, medizinischen Fachbegriffe verständlich zu erklären, als auch Mittel und Wege der Verständigung zu erlernen oder zumindest das Wissen, wie man mit patientennahen (Familie, Bekannte) oder Ad-hoc-Dolmetschern (Krankenhauspersonal) umgehen sollte.
Ansätze gibt es hierzu in München und in Hamburg, die Ausbildung von Krankenhauspersonal mit bestehenden Sprachressourcen für eine kompetente Sprachmittlung voranzutreiben. [4] Daneben scheint es sinnvoll, auch die Mediziner darin zu fördern, mit dolmetschendem Personal und/oder Familienangehörigen umgehen zu können – beispielsweise durch eine Fortbildung in Gesprächsführung. Und auch die Patienten könnten sich aktiver in den Behandlungsprozess integrieren: Das Ethno-Medizinische Zentrum in Hannover hat beispielsweise unter dem Slogan “Mit Migranten für Migranten” [5] Menschen mit Migrationshintergrund als sogenannte Gesundheitslotsen ausgebildet. Diese sollen ihren Mitmenschen helfen, sich im Gesundheitswesen besser zurechtzufinden und nehmen ihnen die Angst vor dem Arztbesuch.
Es sind umfassende Bemühungen aller Glieder der Gesellschaft notwendig, um so für Verständnis zu sorgen.

4.2. "Informiertes Einverständnis"

Für medizinethisch relevante Themen wie das „Informierte Einverständnis“ ergeben sich aufgrund von Mehrsprachigkeit erhebliche Probleme.

„Die Zustimmung von Patienten hat sich in der modernen Medizin zur nicht umgehbaren Hürde einer jeden gerechtfertigten Behandlung oder auch Mitwirkung an medizinischer Forschung entwickelt.“ [6]

Diese Zustimmung erfordert zum einen „[...] kognitive Fähigkeiten […] sowie die Fähigkeit zur Kommunikation […].“ [7] Zwar sind nicht-muttersprachliche Patienten (rational) kompetent, autonome Entscheidungen zu fällen und können sich sprachlich mitteilen. Die sprachlichen Barrieren in bilingualen Situationen können jedoch ein Hindernis in Bezug auf die Information darstellen.

„Eine Patientin kann nur dann autonom über eine Behandlung entscheiden, wenn sie weiß, was diese beinhaltet und welche Alternativen bestehen. Neben der bereits genannten kompetenzspezifischen Fähigkeiten kommt es hier auf die tatsächliche ärztliche Aufklärung an. Die Patientin muss die notwendigen Informationen bezüglich der Behandlungsoptionen erfasst haben, nicht bloß prinzipiell dazu befähigt sein. […] Die Informationen sind [also] so zu vermitteln, dass sie verstanden und bewertet werden können.“ [8]

Doch was, wenn ein Patient die Informationen aufgrund der Sprachbarrieren nicht verstanden hat und sie somit auch nicht bewerten kann? Was passiert, wenn ein Patient einwilligt, ohne tatsächlich informiert zu sein? Was, wenn ein Familienangehöriger fehlerhaft übersetzt (aufgrund eigener Sprachschwierigkeiten oder aus familiären oder kulturellen Gründen)? Ein Beispiel dafür liefert ein Ausschnitt aus unserem Interview:

„Natürlich sind es nicht nur sprachliche Fragen, man kommt auch in Situationen, wo man einen Übersetzer dabei hat – bei türkischen Patientinnen, die dann vielleicht ihren Sohn als Übersetzer haben, kann man nicht alle Fragen stellen. Und man weiß nicht, ob sie richtig beantwortet werden, weil es da auch kulturelle Unterschiede in der Kommunikation gibt - was sage ich vor einem Mann und was nicht. Das ist eben auch noch schwierig.“ [9]

Solche "kommunikativen Asymmetrien" führen zu rechtlichen und medizinethischen Problemen.

5. Fazit

Es zeigt sich, dass das Arzt-Patienten-Gespräch zwangsläufig mehrsprachig ist. Im Kontakt mit dem Patienten muss der Arzt umdenken. Fachsprache muss für den Patienten übersetzt werden. Sprechen Arzt und Patient zudem noch verschiedene Sprachen, so verkompliziert sich die Situation. Das Beschreiben und Verstehen wird schwieriger und Körpersprache, Gesten und auch Zeichnungen und Modelle werden wichtiger.

Wie unser Interview zeigt, wird im Studium das Erlernen der Kommunikation in anderen Sprachen lediglich zur Wahl gestellt, ist aber nicht obligatorisch. Pflicht ist jedoch die grundlegende Arzt-Patienten-Kommunikation zu erlernen. Weiß ein Arzt, wie er einem Patienten Sachverhalte klar machen kann, so kann er diese Fähigkeiten über eine Weiterbildung auch in anderen Sprachen anwenden. Solche Fortbildungen werden beispielsweise von der Ärztekammer angeboten.
Im Interview hat sich auch gezeigt, dass im medizinischen Alltagsbetrieb auf selbst angelegte Nachschlagewerke, also auf Formulierungskataloge zurückgegriffen wird. Nicht jeder Arzt muss jede Sprache komplett beherrschen, um zufriedenstellend kommunizieren zu können.
Da jedoch bestimmte Praktiken, wie beispielsweise eine Rückenmarksnarkose, exakte Kommunikation benötigen, wird, wenn diese Kommunikation nicht zu gewährleisen ist, auf andere Behandlungsarten ausgewichen, „dann muss man das Verfahren ändern.“ (Interview)
In unseren Beispielen ging es um die Nachbesprechung von Befunden. In einem derartigen Gespräch sind Missverständnisse oder eine zähe, langsame Kommunikation weniger gefährlich, als bei einem diagnostischen Gespräch, der Anamnese. Hier ist das Problem, dass „die Umschreibungen von Begriffen oftmals ganz anders“ (Interview) ist und somit möglicherweise falsch oder unzureichend erkannt wird, was dem Patienten fehlt. Bei akuten Beschwerden kann so nicht immer eine adäquate Behandlung gewährleistet werden.
Eine zusätzliche Schwierigkeit im Krankenhaus ist, dass viel medizinisches Personal an der Anamnese und der Durchführung von Behandlungen mitwirken. Die Erklärung eines Befundes für einen nicht-direkt Beteiligten – einen Dolmetscher, sei er nun krankenhausintern oder Familienangehöriger – ist dadurch zusätzlich erschwert. [10] Ein Dolmetscher verfügt zudem i.d.R. nicht über das fachliche Wissen, die fachsprachlichen Ausdrücke und schildert die Symptome nicht aus erster Hand. Dadurch wird die erforderliche spezifische und korrekte Kommunikation gefährdet.

Den Komplikationen, die sich aus der mehrsprachigen Kommunikation ergeben, muss weiterhin Aufmerksamkeit geschenkt werden. Sowohl die Ausbildungsstätten (Universitäten), als auch die Gruppe der Ärzte und Patienten sind verpflichtet, sich diesen Schwierigkeiten zu stellen und individuelle Fördermaßnahmen anzubieten bzw. in Anspruch zu nehmen.

Verweise

[1] Es sei an dieser Stelle darauf verwiesen, dass wir im Folgenden der Einfachheit halber in unseren Ausführungen die maskuline Form verwenden werden.
[2] Vgl. Bergner, Thomas M.H.:Wie geht's uns denn? Ärztliche Kommunikation optimieren. Stuttgart: 2009. S.199.
[3] Vgl. http://www.bundesaerztekammer.de/page.asp?his=0.3.8175.8184 sowie http://www.bundesaerztekammer.de/downloads/Stat09Tab10.pdf, zuletzt gesehen am 19.08.2010; Vgl. http://www.bundesaerztekammer.de/page.asp?his=0.3.1667.7128.7137, zuletzt gesehen am 19.08.2010.
[4] Vgl.Bührig/Meyer: Anamnesegespräche im Krankenhaus: ein- und mehrsprachig. In: N. Klusen & A. Meusch (Hg.) Informiert und selbstbestimmt. Der mündige Bürger als mündiger Patient. Beiträge zum Gesundheitsmanagement 27. Baden-Baden: 2009, S. 203.
[5] http://www.ethno-medizinisches-zentrum.de/index.php?option=com_content&view=article&id=28&Itemid=34; zuletzt gesehen am 19.08.2010.
[6] Schramme, Thomas: Bioethik. Campus: Frankfurt am Main 2002, S. 31.
[7] Ebd.
[8] Ebd., S.34.
[9] Siehe Interview im Anhang.
[10] Vgl. Bührig/Meyer: Anamnesegespräche im Krankenhaus: ein- und mehrsprachig. In: N. Klusen & A. Meusch (Hg.) Informiert und selbstbestimmt. Der mündige Bürger als mündiger Patient. Beiträge zum Gesundheitsmanagement 27. Baden-Baden: 2009, S. 191.

Anhang

Weiterführende Literatur
Fragen für das Interview
Abschrift des Interviews
Markierte und kommentierte Abschrift, Video 1
Markierte und kommentierte Abschrift, Video 2

Zuletzt bearbeitet am 03.09.2010 14:01 Uhr